

Interdisziplinarität gilt an vielen Hochschulen als wichtiger Bestandteil guter Lehre. Unter anderem Studiengänge zu Nachhaltigkeit, Transformation und Digitalisierung leben davon, dass Lehrende und Studierende unterschiedliche fachliche Perspektiven miteinander verbinden. In der Praxis stellt sich dabei häufig eine einfache Frage: Woran erkennen wir eigentlich, ob Interdisziplinarität tatsächlich stattfindet?
Lehrende investieren oft viel Zeit in die Entwicklung fachübergreifender Lehrangebote. Sie verweisen auf andere Module, stellen gemeinsame Materialien bereit oder entwickeln interdisziplinäre Aufgabenstellungen. Trotzdem bleibt häufig unklar, ob Studierende diese Verbindungen tatsächlich nutzen. Lernplattformen liefern zwar umfangreiche Nutzungsdaten, doch sie geben bislang nur selten Auskunft darüber, wie stark ein Studiengang tatsächlich interdisziplinär gelebt wird. Darum hat das KI:edu.nrw-Projekt „3D – Disziplinen, Didaktik, Daten“ ein Konzept für neue POLARIS-Widgets erarbeitet, die Interdisziplinarität mithilfe von Learning Analytics sichtbar und diskutierbar machen.
Digitale Lehre ist längst Realität. Doch wie gut verstehen wir eigentlich, was in digitalen Lernräumen geschieht? Erleben Studierende Interdisziplinarität tatsächlich – oder steht sie nur im Modulhandbuch? Nutzen wir KI reflektiert – oder lassen wir uns von Effizienzversprechen treiben?
Das KI:edu.nrw-Praxisprojekt „3D – Disziplinen, Didaktik, Daten“ stellt diese Fragen im interdisziplinären Masterstudiengang Nachhaltige Transformationsgestaltung (NTG) an der FH Münster und sucht fundierte Antworten.
Der zentrale Gedanke des Konzepts ist einfach: Interdisziplinarität entsteht nicht allein dadurch, dass Lehrende sie anbieten. Ebenso wenig entsteht sie allein durch das Verhalten der Studierenden. Entscheidend ist das Zusammenspiel beider Seiten, ein Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage. In diesem Sinne unterscheidet das Konzept zwischen struktureller Interdisziplinarität (Angebot) und gelebter Interdisziplinarität (Nachfrage).
Zur strukturellen Interdisziplinarität gehören beispielsweise Querverweise zwischen Modulen, gemeinsame Fallstudien, modulübergreifende Diskussionsangebote oder andere fachliche und didaktische Verbindungen. Gelebte Interdisziplinarität zeigt sich darin, dass Studierende diese Verbindungen tatsächlich nutzen. Wechseln sie zwischen unterschiedlichen Modulen? Bearbeiten sie fachübergreifende Materialien oder Fälle? Nutzen sie verschiedene Perspektiven innerhalb eines kurzen Zeitraums? Entstehen modulübergreifende Diskussionen?
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: „Bieten wir Interdisziplinarität an?“, sondern auch: „Wird sie tatsächlich gelebt?“
Das Konzept geht bewusst vorsichtig mit Learning Analytics um. Moodle-Logfiles können nicht messen, was Studierende denken. Sie können auch nicht unmittelbar nachweisen, ob jemand interdisziplinär reflektiert oder handelt. Schon gar nicht verraten die Daten, was jenseits der Lernplattform geschieht. Moodle-Daten können jedoch Hinweise auf die gelebte Interdisziplinarität liefern, soweit sie auf der Plattform stattfindet.
Wenn Studierende innerhalb kurzer Zeit wiederholt zwischen Modulen wechseln, dort Materialien bearbeiten und aktiv interagieren, deutet dies auf eine integrative Nutzung hin. Findet die Nutzung dagegen ausschließlich nacheinander und ohne erkennbare Verknüpfung zwischen Modulen statt, spricht dies eher für ein isoliertes oder sequenzielles Lernverhalten.
Die vorgeschlagenen Widgets verstehen sich nicht als Messinstrumente für Interdisziplinarität selbst. Sie liefern vielmehr Indikatoren, die Lehrende bei der Interpretation ihrer Lehrangebote unterstützen können.
Kern des Konzepts ist eine vergleichsweise einfache Berechnungslogik. Zunächst identifiziert POLARIS potenziell interdisziplinäre Ereignisse. Dazu betrachtet das System Aktivitäten, die innerhalb eines definierten Zeitfensters in mehreren Modulen stattfinden. Aus diesen Ereignissen entsteht ein Interdisziplinaritäts-Index zwischen jeweils zwei Modulen. Dieser Index beschreibt, wie intensiv sich Studierende zwischen den betreffenden Modulen bewegen.
Anschließend gewichtet das System diesen Wert mit einer zweiten Größe: der strukturellen Interdisziplinarität. Diese wird vorab von den Lehrenden gemeinsam eingeschätzt und in einer einfachen Matrix dokumentiert. Dadurch entsteht ein wichtiger Effekt. Ein häufiger Wechsel zwischen zwei Modulen wird nicht automatisch als interdisziplinär interpretiert. Erst wenn zwischen den Modulen auch eine fachlich sinnvolle Verbindung besteht, steigt der resultierende Wert für die gelebte Interdisziplinarität.
Auf dieser Grundlage lassen sich schließlich Kennwerte für einzelne Module und für den gesamten Studiengang berechnen.
Viele Learning-Analytics-Projekte scheitern nicht an fehlenden Daten, sondern an ihrer Darstellung. Lehrende benötigen keine komplizierten Datenmodelle, sondern schnell verständliche Hinweise für ihre alltägliche Praxis. Darum setzen die konzipierten POLARIS-Widgets auf bewusst einfache Visualisierungen.
Eine Übersicht zeigt beispielsweise, zwischen welchen Modulen innerhalb eines Studiengangs Interdisziplinarität besonders stark oder schwach ausgeprägt ist. Eine weitere Ansicht visualisiert die strukturellen Verbindungen zwischen den Modulen. Auf Ebene einzelner Kurse lassen sich Indizes und die Intensität der Interaktion detaillierter betrachten.
Die Widgets sollen dabei keine wissenschaftliche Analyse ersetzen. Ihr Ziel besteht vielmehr darin, Aufmerksamkeit zu erzeugen, die Sensibilität für leicht umsetzbare Verbesserungen zu erhöhen und Gespräche anzustoßen. Die Annahme ist: Wenn Lehrende erkennen, dass bestimmte fachlich vorhandene Bezüge kaum wahrgenommen werden, können sie dies mit relativ einfachen Maßnahmen deutlich verbessern.
Die Widgets sollen nicht nur Defizite sichtbar machen, sondern auch konkrete Anregungen liefern. Dafür ist die optionale Einbindung einer KI mitgedacht. Diese soll Inhalte verschiedener Module betrachten und mögliche Anknüpfungspunkte identifizieren. Diese sollen als Inspirationsquelle dienen, etwa für zusätzliche Querverweise, gemeinsame Aufgabenstellungen oder fachübergreifende Fallarbeiten und Diskussionsangebote.
Der Mehrwert der Widgets liegt somit auch darin, dass Optimierungsvorschläge unmittelbar an den Stellen erscheinen, an denen Indizien für wenig gelebte Interdisziplinarität sichtbar werden.
Interdisziplinarität gehört zu den großen Versprechen moderner Hochschullehre. Gleichzeitig bleibt sie oft schwer greifbar. Lehrende wissen, welche strukturellen Verbindungen ihnen wichtig sind. Weniger klar ist häufig, ob diese Verbindungen im Studienalltag tatsächlich erlebbar sind. Die vorgeschlagenen POLARIS-Widgets sollen datenbasiert helfen, hier mehr Klarheit zu schaffen. Sie machen sichtbar, wo Interdisziplinarität bereits funktioniert und wo potenzielle Verbindungen ungenutzt bleiben.
Das im Projekt „3D – Disziplinen, Didaktik, Daten“ entstandene Konzept versucht, diese Lücke zu schließen. Es kombiniert Moodle-Logfiles, fachliche Einschätzungen der Lehrenden und leicht verständliche POLARIS-Widgets zu einem Werkzeug, das Interdisziplinarität besser sichtbar macht.
Die vorgeschlagenen Widgets werden keine endgültigen Antworten liefern. Sie eröffnen jedoch eine neue Perspektive auf die Frage, wie Studierende interdisziplinäre digitale Lehrangebote tatsächlich nutzen. Genau darin könnte ihr wesentlicher Nutzen liegen: Sie schaffen eine Grundlage, um Interdisziplinarität fundierter zu diskutieren und weiterzuentwickeln.
