

Kaum eine Technologie wird derzeit so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Für die einen ist sie ein Schlüssel zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen – von der Energiewende bis zur medizinischen Versorgung. Für die anderen ist sie ein Risiko für Demokratie, Arbeitswelt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zwischen diesen Polen bewegen sich öffentliche Debatten, politische Strategien und wirtschaftliche Erwartungen. Studierende erleben diese Entwicklung nicht nur als Beobachtende, sondern als aktive Nutzerinnen und Nutzer von KI-Systemen. Umso wichtiger ist es, die Technologien jenseits von Hype und Alarmismus einordnen zu können.
Künstliche Intelligenz ist längst im Studienalltag angekommen. Studierende nutzen generative KI-Systeme zum Recherchieren, Schreiben, Programmieren, Übersetzen, zur Ideensammlung und für viele private Fragen. Gleichzeitig entstehen rund um KI zahlreiche gesellschaftliche Debatten: über Nachhaltigkeit, Desinformation, Urheberrecht, Machtkonzentration, Automatisierung oder den Wandel wissenschaftlicher Arbeit. Die Dynamik dieser Entwicklung stellt Hochschulen vor eine zentrale Frage: Welche Kompetenzen benötigen Studierende, um KI-Systeme reflektiert, verantwortungsvoll und selbstbestimmt nutzen zu können?
Oft konzentrieren sich Abhandlungen über KI auf technische Innovationen oder Fragen der praktischen Anwendbarkeit. Zudem gibt es Diskussionen über technikoptimistische Versprechen und düstere Zukunftsszenarien. Wer KI verstehen, kritisch bewerten und kompetent einsetzen möchte, benötigt ein grundlegendes Verständnis ihrer Funktionsweise und ihrer Grenzen sowie über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen und Regeln.
Vor diesem Hintergrund ist im Rahmen des KI:edu.nrw-Praxisprojektes „3D – Disziplinen, Didaktik, Daten“ an der FH Münster ein Workshop entstanden, der Studierenden einen konstruktiv-kritischen Zugang zum Thema KI eröffnet. Der Workshop ist bereits praktisch durchgeführt und erprobt. Die Materialien stehen als Open Educational Resources (OER) zur Verfügung und lassen sich von Lehrenden mit geringem Aufwand übernehmen, anpassen und weiterentwickeln.
Digitale Lehre ist längst Realität. Doch wie gut verstehen wir eigentlich, was in digitalen Lernräumen geschieht? Erleben Studierende Interdisziplinarität tatsächlich – oder steht sie nur im Modulhandbuch? Nutzen wir KI reflektiert – oder lassen wir uns von Effizienzversprechen treiben?
Das KI:edu.nrw-Praxisprojekt „3D – Disziplinen, Didaktik, Daten“ stellt diese Fragen im interdisziplinären Masterstudiengang Nachhaltige Transformationsgestaltung (NTG) an der FH Münster und sucht fundierte Antworten.
Generative KI-Systeme erzeugen Texte, Bilder, Programmcode und andere Inhalte mit einer Qualität, die für viele Nutzerinnen und Nutzer beeindruckend wirkt. Gerade diese Überzeugungskraft birgt jedoch Herausforderungen. Menschen neigen dazu, sprachlich kompetenten Systemen Fähigkeiten zuzuschreiben, die diese nicht besitzen. Aussagen wie „Die KI versteht mich“, „Die KI weiß das“ oder „Die KI hat entschieden“ sind Ausdruck eines Anthropomorphismus, der in der öffentlichen Diskussion verbreitet ist.
Dabei beruhen heutige KI-Systeme nicht auf Verstehen im menschlichen Sinn. Sie erkennen Muster in großen Datenmengen und erzeugen auf dieser Grundlage statistisch wahrscheinliche Ausgaben. Die Fähigkeit, überzeugende Antworten zu formulieren, darf daher nicht mit Wissen, Urteilsvermögen oder Verantwortung verwechselt werden.
Für Studierende ist diese Unterscheidung von besonderer Bedeutung. Sie arbeiten in einer Umgebung, die auf wissenschaftlicher Reflexion, Quellenkritik und eigenständigem Denken basiert. Übernehmen sie KI-Ergebnisse ungeprüft, besteht die erhebliche Gefahr, dass sich kreative, konstruktive und kritische Kompetenzen schwächer ausprägen als es wünschenswert wäre. Gleichzeitig bieten KI-Systeme zahlreiche Potenziale, etwa zur Unterstützung von Rechercheprozessen, zur Strukturierung von Informationen oder zur Entwicklung neuer Perspektiven.
Ein reflektierter Umgang mit KI sollte daher weder auf pauschaler Ablehnung noch auf unkritischer Akzeptanz beruhen. Vielmehr geht es darum, Chancen und Risiken differenziert einordnen zu können und die eigene Verantwortung im Umgang mit diesen Technologien wahrzunehmen.
Der Workshop ist für eine Dauer von etwa 180 Minuten konzipiert und verbindet technische Grundlagen, gesellschaftliche Reflexion und interaktive Diskussionen.
Zu Beginn steht die Frage im Mittelpunkt, was KI eigentlich ist. Begriffe wie Mustererkennung, neuronale Netze oder Deep Learning werden kurz und verständlich eingeführt. Ziel ist ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise moderner KI-Systeme als gemeinsame Basis für weitere Diskussionen.
Anschließend richtet sich der Blick auf die Rolle von KI im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Dabei werden sowohl mögliche Chancen als auch die teils erheblichen Risiken betrachtet. Beispiele für Potenziale sind die Optimierung von Energienetzen, Anwendungen in der medizinischen Diagnostik, Verkehrssteuerung oder Ansätze der Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig werden Herausforderungen wie der hohe Ressourcenverbrauch, Rebound-Effekte, unkritischer Technosolutionismus, Abhängigkeiten von einzelnen mächtigen Unternehmen sowie Gefahren für die Demokratie durch eine steuerbare Meinungsbildung thematisiert.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Menschen KI wahrnehmen. Warum wirken Chatbots oft so überzeugend? Warum entsteht menschliches Vertrauen in Systeme, die lediglich Wahrscheinlichkeiten berechnen? Welche Folgen hat es, wenn Nutzerinnen und Nutzer KI Eigenschaften wie Verstehen, Wissen oder Absichten zuschreiben?
Diese Fragen führen zu einer zentralen Diskussion über Vertrauen, Manipulationspotenzial und Verantwortung. Die Teilnehmenden reflektieren, welche Rolle KI in ihrem eigenen Alltag bereits spielt und welche Kriterien sie künftig für einen verantwortungsvollen Umgang anwenden möchten.
Den Abschluss bilden praxisnahe Empfehlungen und Reflexionsfragen. Dabei geht es unter anderem darum, KI-Ergebnisse kritisch zu prüfen, überzeugende Sprache nicht mit Verlässlichkeit oder Wahrheit zu verwechseln und die eigene Denk- und Urteilsfähigkeit nicht an technische Systeme auszulagern.
Eine Grundlage des Konzepts besteht darin, dass es fachübergreifend einsetzbar ist. Die behandelten Fragestellungen richten sich nicht an eine bestimmte Disziplin. Vielmehr betreffen sie alle Studiengänge. Entsprechend ist das Workshop-Material fächerübergreifend nutzbar. Da der Workshop keine spezifischen Vorkenntnisse voraussetzt, eignet er sich sowohl für Einführungsveranstaltungen als auch für fachspezifische Vertiefungen.
Das Material ist bewusst so erstellt, dass es ohne großen Aufwand angepasst werden kann. Einzelne Module lassen sich erweitern, kürzen oder durch fachspezifische Beispiele ergänzen. Lehrende können Schwerpunkte unterschiedlich setzen – etwa stärker auf technische Grundlagen, Nachhaltigkeit, Medienkompetenz, Ethik oder wissenschaftliches Arbeiten.
Auch die didaktische Struktur ist flexibel. Die Inhalte lassen sich als eigenständiger Workshop durchführen oder in bestehende Lehrveranstaltungen integrieren. Diskussionsphasen, Gruppenarbeiten und Reflexionsaufgaben lassen sich an unterschiedliche Gruppengrößen und Zeitbudgets anpassen.
Der Workshop ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern wurde bereits mit Studierenden durchgeführt. Die Erfahrungen aus der praktischen Umsetzung sind in die Weiterentwicklung der Materialien eingeflossen.
Die Bereitstellung als OER ermöglicht es Lehrenden, die Materialien frei zu nutzen, anzupassen und weiterzugeben.
KI wird die Lebens- und Arbeitswelt heutiger Studierender vermutlich langfristig prägen. Umso wichtiger ist es, dass Hochschulen Räume schaffen, in denen diese Technologien nicht nur genutzt, sondern auch verstanden und kritisch reflektiert werden.
Der vorgestellte Workshop verfolgt genau dieses Ziel. Er vermittelt Basiswissen über KI, beleuchtet gesellschaftliche und nachhaltigkeitsbezogene Auswirkungen und stärkt die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung. Durch seine praktische Erprobung, seine fachübergreifende Ausrichtung und seine Verfügbarkeit als OER bietet er Lehrenden eine niedrigschwellige Möglichkeit, das Thema KI in die eigene Hochschullehre zu integrieren. Letztlich geht es nicht darum, ob Studierende KI nutzen werden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob sie lernen, dies reflektiert, verantwortungsvoll und selbstbestimmt zu tun.
